Portfoliotheorie (1): Aus Krisen lernen

In den letzten Monaten haben zwei Themen die Berichterstattung über den deutschen Aktienmarkt massgeblich beschäftigt. Die Pleite von Wirecard und der durch Covid-19 hervorgerufene Aktiencrash. Beide Themen können die Abneigung vieler potentieller Anleger gegenüber dem Aktienmarkt verstärken.
Deshalb ist es wichtig, diese beiden Ereignisse einzuordnen und deren Auswirkungen auf ein breit gestreutes Portfolio entsprechend zu bewerten.

Die Pleite von Wirecard

Im Falle von Wirecard gab es bereits erste Hinweise seitens der Financial Times im Oktober 2019, dass es wohl zu Manipulationen gekommen und das Drittpartnergeschäft manipuliert sein könnte. Darüber hinaus deckte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG im April 2020 Ungereimtheiten auf, dass etwa eine Milliarde Euro nicht vorhanden sei und letztlich gab die Prüfungsgesellschaft EY im Rahmen der Bilanzprüfung des Geschäftsjahrs 2019 den Hinweis an die Behörden, dass es sich dabei um kriminelle Manipulationen handeln könne. (Quelle: Tagesschau)
Die Insolvenz von Wirecard ist damit wohl der größte Wirtschaftsskandal Deutschlands und hat Anleger hart getroffen. Der Aktienkurs brach um bis zu 99% ein und führte quasi zu einem wirtschaftlichen Totalverlust.
Auch wenn die tägliche Berichterstattung in den Medien schmerzhaft deutlich macht, dass Investments in Aktien stets mit hohen Risiken verbunden sind, so lässt sich dieses unsystematische Risiko minimieren, indem eine breite Streuung auf eine Vielzahl von Einzelwerten (sog. Diversifikation) erfolgt. Idealerweise geschieht dies über einen Fonds oder Index.

Wichtig: Wer nur mit einem Ball spielt, hat ein sehr hohes Risiko das Turnier zu verlieren, falls er den Ball unterwegs verliert. Deshalb im Golfbag immer ausreichend Bälle dabei haben.”

Der Finanz-Caddie meint …

Die Corona-Pandemie

Parallel dazu erschütterte die Covid-19 Pandemie die weltweiten Aktienmärkte. So verloren im Frühjahr dieses Jahres innerhalb von wenigen Wochen der Dax 39%, der amerikanische Dow Jones Index 37%, der japanische Nikkei Index 31% und der Hongkonger Börsenindex Hang Seng 26% (Stand: 11.08.2020).
Da Risiken, die von unvorhersehbaren Ereignissen ausgehen, nicht durch Diversifikation reduziert werden können, nennt man diese systematische Risiken, oder auch Marktrisiken.
Rückblickend zählen zu diesen Ereignissen beispielsweise die Weltwirtschaftskrise 1929, die Ölkrise 1973, das Platzen der Dotcom-Blase 2000 und die Finanzkrise 2008.

Der Investor erhält für das Eingehen des Marktrisikos einen Preis, nämlich die Aussicht auf steigende Kursgewinne und Gewinnausschüttungen. Aber auch das Marktrisiko lässt sich weiter reduzieren, indem der Anleger dem risikoreichen Anteil seines Portfolios (u.a. Aktien, Aktienfonds, Aktien-ETFs) risikoarme Anteile beimischt. Hierzu zählen beispielsweise Bar-, Tages- oder Festgeld sowie Staats- oder Unternehmensanleihen mit hoher Bonität.

Merke: Wer das Risiko eines Ballverlustes reduzieren will, muss das Risiko aus dem Spiel nehmen und häufiger den sicheren Schlag wählen.”

Der Finanz-Caddie informiert …

Wie ein breit angelegtes Portfolio Risiken minimieren kann

Wer sich nicht den Stress und den Aufwand machen möchte, ein diversifiziertes Aktiendepot durch die Auswahl von Einzelaktien selbst zu erstellen, der kauft einfach und kostengünstig die ganze Welt in einem einzigen Produkt. So investiert ein ETF (Exchange Traded Funds) auf den MSCI World in ca. 1600 Unternehmen aus 23 Industrieländern.

In der Graphik zeigt die blaue Linie die Kursentwicklung des iShares Core MSCI World (ISIN IE00B4L5Y983). Dieser wurde aus zahlreichen vergleichbaren ETFs auf den MSCI World exemplarisch ausgewählt. Es wurde bei der Auswahl darauf geachtet, dass Dividenden wieder reinvestiert, also thesauriert, wurden.
Ein völlig cooler Investor, der am 04.01.2010 10.000 EUR investiert hätte, würde sich am 31.07.2020 über einen Depotwert von ca. 29.000 EUR freuen und hätte damit eine Rendite von knapp 11% pro Jahr erwirtschaften können.

Aber wäre der Investor auch in Zeiten der Kursrückgänge während der Covid-19 Krise und in den Jahren zuvor einfach cool geblieben?
Ich kenne wenige Menschen, die einen maximalen theoretischen Verlust (Maximum Drawdown) von mehr als 33% und eine Schwankung (Volatilität) von mehr als 50% auf Dauer ertragen können. Wer in einer der Verlustphasen die Nerven verloren und verkauft oder seine Investmentstrategie geändert hat, verpasste möglicherweise den nächsten Aufschwung und büßte damit einen Großteil der langfristigen Rendite ein.
Nicht umsonst wird die derzeitige Kurserholung nach dem Covid-19 Tiefpunkt als “die meist gehasste Rallye” bezeichnet. Denn sie wurde für viele Investoren und Fondsgesellschaften zum Renditekiller, falls diese im Abschwung Aktienpositionen verkauften.

Deshalb ist es umso wichtiger, dass jeder Investor sein eigenes Portfolio konstruiert, das der eigenen Risikopräferenz entspricht. Oder anders formuliert: ein Portfolio ist nur so lange stabil, wie die gewählte Strategie auch in Krisenzeiten weiter verfolgt und durchgehalten werden kann.

Risikominimierung durch Diversifikation

Eine Standard-Strategie zur Risikominimierung innerhalb eines Aktien-Portfolios ist die Beimischung von Anleihen. In der oben dargestellten Graphik stellt die grüne Fläche beispielhaft ein Portfolio dar, dass den Aktienanteil zu 60% durch den MSCI World (ISIN IE00B4L5Y983) in Form eines ETFs abbildet und zu 40% weltweite Staatsanleihen von Industrieländern umfasst, die Euro-währungsgesichert sind und mindestens mit dem Rating Investmentgrade eingestuft wurden, hier Xtrackers Global Sovereign (ISIN LU0378818131). Auch dieser Anleihe-ETF reinvestiert die Erträge.

Das Besondere an diesem Portfolio ist, dass zu Beginn eines jeden Jahres das ursprüngliche Verhältnis zwischen Aktien und Anleihen wiederhergestellt wird (Rebalancing). Im Vergleich zu einem Buy-and-hold Ansatz, bei dem sich die Aktienquote im Zeitverlauf auf bis zu 75% erhöht hätte, bleibt dabei das Risikoverhältnis relativ konstant bei der ursprünglich gewählten Aktienquote von 60%.
Im Vergleich zu einem reinen Aktienportfolio lässt sich mit dem 60/40 Portfolio der maximale Drawdown und die Volatilität annähernd halbieren. Dennoch würde immer noch eine durchaus ansehnliche Rendite von ca. 7,7% p.a. innerhalb der letzten 10,5 Jahren erwirtschaftet werden.

Take-aways

  • Investitionen in Finanzprodukte jeglicher Art sind stets mit Risiken verbunden.
  • Einzelinvestments bergen immer das Risiko eines Totalverlusts.
  • Risiken lassen sich durch eine breite Streuung (Diversifikation) innerhalb von Anlageklassen und über Anlageklassen hinweg minimieren.
  • Jeder Investor muss seine persönliche Risikotragfähigkeit bestimmen und ein entsprechendes Portfolio gestalten.

Sämtliche Inhalte wurden nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert und dargestellt. Eine Haftung für deren Aktualität, Richtigkeit, Vollständigkeit und Genauigkeit wird ausgeschlossen. Kursentwicklungen der Vergangenheit sind kein verlässlicher Indikator für künftige Wertentwicklungen.
Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Bildung und der persönlichen Unterhaltung. Er stellt weder eine Rechts-, Anlage- oder Steuerberatung oder eine Aufforderung zum Kauf / Verkauf der erwähnten Finanzinstrumente (Wertpapiere, ETFs, etc.) dar.
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Letzte Aktualisierung: 09.09.2020

2 Gedanken zu „Portfoliotheorie (1): Aus Krisen lernen

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